Mut zur eigenen Geschichte

Hospiz-Dienst Schwäbisch Hall
Das Hällisch-Fränkische Museum zeigt unter dem Titel „Spurensuche“ Werke der Herforderin Inge Zintl

 Dabei geht es um Familiengeheimnisse. Von Maya Peters, Haller Tagblatt, 21.01.2017

Teile aus alten Fotos, Briefen, Schlagzeilen oder Dokumenten sind zu großformatigen Büchern gefasst. Über den Unikaten hängen Verse wie „Maikäfer flieg“. An den Wänden reihen sich gerahmte Collagen im Tiefdruckverfahren, sogenannte Intagliotypien.

Die Kunstwerke sind Ergebnisse der künstlerischen Auseinandersetzung mit den „Familiengeheimnissen“ von Inge Zintl. Einiges an biografischem Wissen stammt aus der Recherche, andere Stücke haben sich im Familienbesitz erhalten, Lücken bleiben: „Warum meine Großmutter sich in den 1930er-Jahren scheiden ließ, weiß ich bis heute nicht“, bedauert die Herforderin.

Am Ende schweift Blick zurück

Anrührend und intim sind ihre Werke. „Mutig“ nennt sie deshalb auch Hospiz-Dienst-Vorstand Beatrix Förstel auf der Vernissage am Donnerstag. Anlass der Ausstellung „Spurensuche“ in Kooperation mit dem Hällisch-Fränkischen Museum (HFM) ist das 25-jährige Jubiläum des Haller Vereins. „Sterben ist auch Leben vor dem Tod“, unterstreicht Halls Erste Bürgermeisterin Bettina Wilhelm.

Selbst bei der Ausbildung der Ehrenamtlichen stünde deren Biografie im Vordergrund, berichtet Anna-Gela Henkel-Kochendörfer vom Hospiz-Dienst. Nur wer mit sich selbst gut zurecht komme, könne sich anderen mit Empathie zuwenden.

„Am Lebensende schweift der Blick stets zurück“, fasst sie zusammen. Die Sonderausstellung solle den Impuls geben, sich bereits früher mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen.

„Ich bin Geschichtenerzählerin“, erläutert Zintl. So sei die Ausstellung chronologisch von links nach rechts aufgebaut. Kein Bild stehe allein für sich, vielmehr seien es Serien, die eine teils schmerzhafte Biographie erzählen. Auch die Künstlerin taucht in den Kunstwerken auf – als Mädchen mit Zipfelmütze oder durch ein Volksschulzeugnis.

Wächserne Seiten

Das Blättern in den Unikatbänden ist ausdrücklich erwünscht. „Das traut man sich eigentlich gar nicht“, meint eine Besucherin bewundernd und befühlt die transparenten wächsernen Seiten voller persönlicher Momente.

Der vierte Band „Der Soldat“ befasst sich genauer mit dem Vater. Rührende Worte zum neunten Geburtstag. Rückbesinnung an die Schrecken des Krieges. Verfremdungen verallgemeinern die Gefühle und Geschichte.

„Diese Arbeit hat mich am meisten verstört“, berichtet Zintl im Gespräch. Doch durch die Beschäftigung mit ihrem Vaters als Soldat und Kriegsgefangener habe sie sich mit ihm ausgesöhnt. „Ich merke, wie gut mir das getan hat“, ist sie dankbar.

Rund 20 Jahre arbeitete die 75-jährige Herforderin als Kunst- und Tanztherapeutin. Die transparenten Buchblätter sind durchaus symbolisch zu verstehen, erläutert Zintl: „Auch im Leben scheinen vorangegangene Erlebnisse durch und wirken fort als Ängste oder Erinnerungen.“ Sie habe zu lange geschwiegen und zu spät angefangen zu fragen. „Da waren schon alle tot“, bedauert Zintl im Nachhinein.

Diesen Samstag gibt sie im HFM zur Ausstellung einen Workshop als „Einladung zur Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte“. Er ist bereits ausgebucht.

Info Die Ausstellung mit Werken von Inge Zintl ist bis 5. März im Hällisch-Fränkischen Museum zu sehen – von Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Galerie
Bild: Hans Kumpf
Bild: Hans Kumpf
Bild: Hans Kumpf